Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Weckt Tote auf!

  Mt 10,7-8
 
Wie bitte?

24. Juni 2017
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Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben

Die Schrift ist voll von „unmöglichen“ Forderungen. „Weckt Tote auf!“ in diesem Text gehört wohl zu den krassesten. Sicher, im Alten Testament gab es Propheten, welche Tote erweckt haben. Das waren aber nicht gerade die Menge. Auch die diesbezügliche „Erfolgsbilanz“ unseres Herrn fällt nicht besonders überwältigend aus. In der Berichterstattung der ausgesandten Jünger (vgl. Lk 10,17) ist keine Rede davon. Und für die Zeit nach der Auferstehung fällt mir nur jener Jüngling ein, welcher während einer Predigt des Völkerapostels eingeschlafen und aus dem Fenster gestürzt war. Heute scheint es so etwas nicht mehr zu geben. Sogar jene charismatischen Bewegungen, welche Heilungsgebete durchführen, wagen sich nicht an diese Aufgabe.

Bei der definitiven Aussendung der Jünger wiederholte Christus diesen Auftrag dann auch nicht mehr. Dort heisst es nur: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ (Mt 28,19-20) Heisst das nun, dass diese Forderung nicht mehr gilt? Oder ist sie einfach in all dem enthalten, was Christus den Jüngern geboten hat? „Alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben.“ mahnt uns der Völkerapostel. (Röm 15,4) Wie ist also diese Stelle heute zu verstehen?

Ich glaube, der Schlüssel dazu liegt im ersten Satz der Aufforderung: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“ Vom Himmelreich ist zwar heute kaum noch die Rede, dafür umso mehr vom Reich Gottes, das bereits angebrochen ist, und welches zu verwirklichen wir Christen aufgerufen sind. Im Grunde genommen ist es das Gleiche. Der Unterschied liegt im Blickwinkel, von welchem aus wir an unsere Fragen und Probleme herangehen. Da haben wir einerseits das ewige Reich Gottes im Jenseits und andererseits das Reich Gottes hier und jetzt. Beides ist nur ein Reich. Aber beide Sichten haben ihre Berechtigung. Und beide haben, einseitig betont, ihre Gefahren. Wenn früher das Himmelreich, also das Denken in der Kategorie Jenseits, meist vorherrschte, beobachten wir heute sehr oft, dass das Denken in diesseitigen Kategorien, also die Fixierung auf das Reich Gottes hier und jetzt, unser letztes Ziel, das ewige Heil, aus unserem Bewusstsein verdrängt.

Wenn wir nun das sehen, dann wird schnell einmal klar, dass dieses „Weckt Tote auf“ aus der Sicht des Jenseits zu verstehen ist. Es gehört zu unserer Sendung als Christen, tatkräftig am Aufbau des Reiches Gottes hier und jetzt mitzuarbeiten. Es gehört aber genauso zu unserer Sendung, das ewige Reich Gottes immer wieder ins Spiel zu bringen. Die Sorge um unser Heil und das Heil unserer Nächsten hier und jetzt gehört zu unseren Christenpflichten. Zu diesen Pflichten aber gehört genauso die Sorge um das ewige Heil, unseres eigenen wie dasjenige unserer Nächsten. Wir sind und bleiben Pilger auf unserem Weg durch diese Zeit hin zum Himmelreich. Und so, wie wir im irdischen Leben allerlei Gefahren ausgesetzt sind, so sind wir es auch auf dem Weg zum ewigen Leben. Lebensgefahr gibt es auf unserem irdischen Weg wie auf dem Weg ins Himmelreich. Der grosse Unterschied ist, dass es ein höchst seltenes Wunder ist, wenn ein Toter ins irdische Leben zurück kehrt, die Toten im jenseitigen Sinn aber, solange sie nicht am Ziel ihres irdischen Lebensweges sind, durchaus eine reelle Chance habe, auferweckt zu werden, wenn nötig immer und immer wieder. Und unsere Pflicht als Christen ist es, zuerst uns selber, und dann unseren Nächsten immer wieder zuzurufen: „Lasst euch mit Gott versöhnen und ihr werdet leben.“ (vgl. 2.Kor 5,20)

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