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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Was kommt zuerst

Die Nächstenliebe oder die Gottesliebe?
26. Mai 2019
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"Was war zuerst, das Huhn oder das Ei?» Diese Frage kam mir in den Sinn, als wir jüngst darüber diskutierten, was denn wichtiger sei, die Liturgie und das Gebet oder die Werke. Anlass war die Enzyklika "gaudete et exultate" unseres Heiligen Vaters. In Nummer 104 schreibt er: "Wir denken vielleicht, dass wir Gott die Ehre nur mit dem Gottesdienst und dem Gebet geben oder wenn wir lediglich einige ethische Vorschriften beachten – in der Tat kommt der Beziehung zu Gott der Vorrang zu –, und vergessen dabei, dass das Kriterium für die Beurteilung unseres Lebens vor allem darin besteht, was wir den anderen getan haben. Das Gebet ist wertvoll, wenn es eine tägliche liebende Hingabe fördert. Unser Gottesdienst ist dem Herrn wohlgefällig, wenn wir dort unsere Vorsätze, großherzig zu leben, hineintragen und wenn wir zulassen, dass die Gabe Gottes, die wir im Gottesdienst empfangen haben, in der Hingabe an die Brüder und Schwestern sichtbar wird. "

Wenn wir dem die Regel des Heiligen Benedikt gegenüberstellen, so heisst es dort in Kapitel 43, 1-3: "Hört man das Zeichen zum Gottesdienst, lege man sofort alles aus der Hand und komme in größter Eile herbei, allerdings mit Ernst, um nicht Anlass zu Albernheiten zu geben. Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden." Und Paulus mahnt uns im Hohelied der Liebe (1.Kor 12,31-14,5): "Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte / und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, / hätte aber die Liebe nicht, / nützte es mir nichts."

Ich glaube, ein Widerspruch zwischen diesen Aussagen gibt es nur, wenn wir die Zwischenbemerkung unseres Heiligen Vaters überlesen oder zu wenig ernst nehmen: "- in der Tat kommt der Beziehung zu Gott der Vorrang zu -" Etwas unglücklich formuliert scheinen mir deshalb die Wendungen: "Das Gebet ist wertvoll, wenn … , unser Gottesdienst ist Gott wohlgefällig, wenn …" Natürlich besteht das Kriterium für die Beurteilung unseres Lebens vor allem darin, was wir den anderen getan haben. Aber auch das kann allzu einseitig verstanden werden. Es geht bei unserer tätigen Nächstenliebe nicht nur darum, was wir tun, sondern auch wie und besonders aus welcher Haltung heraus. Wenn wir die Gerichtsrede unseres Herrn betrachten, so müssen wir immer auch bedenken, was er uns in Mt 6,2 sagt: "Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten."

Zur richtigen inneren Haltung aber gelangen wir nur im Gebet, und hier vornehmlich in der Liturgie, in der gemeinsamen Ausrichtung - nötigenfalls Neuausrichtung - auf Gott. Hier lernen und pflegen wir jene Gottesbeziehung, welche dann immer mehr unser ganzes Leben bestimmt, bis hinein die kleinsten und unscheinbarsten Dinge des Alltags. Und es ist dann diese Gottesbeziehung, welche aus all unserem Tun und Lassen ausstrahlt und all unsere Werke zu wahrhaft guten Werken werden lässt. Unsere Vorfahren wussten dies noch ganz genau: "An Gottes Segen ist alles gelegen!"

"Was kommt zuerst?" Welch törichte Frage. Es ist wie mit dem Glauben. Der Glaube ist tot ohne die Werke. Das Gebet, die Liturgie sind tot, ohne die Werke. Als Christen aber handeln wir aus Glaube, Hoffnung und Liebe heraus, und diese Grundtugenden lernen und stärken wir im Gebet und in der Liturgie, oder katholischer, allumfassender gesagt, in unserem Bemühen um eine tiefe, konkrete und persönliche Beziehung zu ihm, unseren Herrn und Gott, in allen Situationen unseres Lebens.


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