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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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In Amt und Würde

Würde ist Bürde

17. Februar 2016

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„Jedermann nennt mich Hochwürden“ heisst ein Buch, das Anfangs der Fünfzigerjahre erschienen ist. Daran erinnert mich, als ich kürzlich eine mir soweit unbekannte Ordensschwester als „ehrwürdige Schwester“ anschrieb und darauf die Antwort erhielt: „Tun Sie mir bitte einen Gefallen und nennen Sie mich nicht „Ehrwürdig“. Selbst Jesus ließ sich nicht einmal guter Meister nennen…“ Ob man sich wirklich auf Christus berufen kann, um Ehrbezeugungen abzulehnen oder zu verweigern? „Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es.“ (Joh 13,13) Es gibt noch viele andere Stellen in der Schrift, in denen er sich so nennen lässt.

Sicher, die Zeiten, in denen der Pfarrer seinen Bischof mit einer Kniebeuge und dem Küssen des Bischofsringes begrüsste, wie auf einem Foto im Album meiner Frau, sind endgültig vergangen. Vieles wurde damals übertrieben. Vieles war reiner Formalismus. Aber wurde nicht inzwischen das Kind mit dem Bad ausgeschüttet? Benutzt man heute nicht einerseits die menschlichen und allzu menschlichen Schwächen kirchlicher (aber auch politischer und anderer) Amtsträger um die Würde des Amtes zu verdrängen? Und kehren heute nicht gerne viele Amtsträger ihre Bescheidenheit und/oder ihre Volksnähe heraus, um sich weniger darum bemühen zu müssen, sich ihres Amtes würdig zu erweisen?

Oder liegt es vielleicht daran, dass wir die doppelte Bedeutung von Würde vergessen? Hin und wieder hört man noch Predigten, in denen wir auf unsere Würde als Christen angesprochen und ermahnt werden, uns dieser Würde im konkreten Leben bewusst zu bleiben. Dann spüren wir manchmal, dass Christ zu sein und christlich zu leben zweierlei ist. Christ zu sein, das ist jene Würde, die uns in der Taufe geschenkt wurde. Sie ist unwiderruflich. Sie ist ein unverdientes Geschenk. Aber sie ist auch ein Auftrag, in dessen Erfüllung wir immer wieder versagen, den wir aber niemals aufgegeben, immer wieder neu anpacken müssen. Das aber wird erst möglich, wenn wir uns immer wieder an unsere grundlegende Würde erinnern, also auch erinnern lassen.

„Würde ist Bürde.“ Das schleckt keine Geiss weg. Aber „Mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,30) Die Freude an der uns vom Herrn geschenkte Würde stärkt uns, auch die Bürde, die seine Hand uns auferlegt, in Gelassenheit zu tragen. Deshalb fände ich es schön, wenn der Ehrerbietung für das Amt wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde. In der richtigen Haltung entgegen genommen, könnte dies eine grosse Stärkung für die Amtsträger bedeuten, und vielleicht auch vielen wieder die Ohren öffnen für den Anruf Gottes, die Bürde eines solchen Amtes entgegen zu nehmen.


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