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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Zwei existentielle Fragen

für ein Leben aus dem christlichen Glauben
 
12. März 2021

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Eines ist klar. Um irgendwelche Fragen im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben im christlichen Sinn beantworten zu können, bedarf es des Glaubens an den dreifaltig einen, personalen, in der Geschichte handelnden Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Wo wir in der Gottesfrage nicht einig sind, ist jede Diskussion um andere Fragen zwecklos. Wir reden dann nur aneinander vorbei. So auch in den beiden Fragen, welche meines Erachtens grundlegend sind, wenn wir aus unserem christlichen Glauben leben wollen:

-    Wozu sind wir auf Erden
-    Wozu ist Christus Mensch geworden.

Wozu sind wir auf Erden? Diese Frage wird heute viel zu wenig gestellt und noch weniger beantwortet. Das führt dazu, dass selbst wir Christen uns oft so benehmen, als seien wir hier auf Erden um ein möglichst glückliches Leben zu führen, mit Gott, wenn es geht, aber auch ohne ihn, dort, wo er unsere Selbstverwirklichung stört. Natürlich glauben wir, dass Gott das ganze Universum geschaffen hat, also auch uns. Doch wozu, das ist sein Problem, um welches wir uns nicht zu kümmern brauchen. Natürlich erwarten wir ein vollkommen glückliches Leben nach dem Tod. Dieses aber ist doch Selbstverständlichkeit. Gott wäre ja sonst nicht bedingungslos barmherzig.

«Wir sind auf Erden um Gott zu dienen» sagte der Katechismus meiner Jugend. Selbstverwirklichung, soweit es diesen Begriff überhaupt schon gab, ist dementsprechend die Verwirklichung des Willens Gottes mit uns. Nach diesem Willen zu fragen und ihn zu verwirklichen ist unsere Aufgabe hier und jetzt. Das verstehen wir unter «Gott dienen». Das ist auch der Weg, der uns zum ewigen Heil führen will. Dabei fühlen wir uns keineswegs als Sklaven. Wir sind die geliebten Kinder unseres himmlischen Vaters. Das Vaterbild welches hinter dieser Aussage steht, ist sehr geprägt von Bild des Vaters der Sippe, der Grossfamilie, welcher jedem seine Aufgabe innerhalb dieser Gemeinschaft zuteilt, für ein möglichst reibungsloses Miteinander sorgt und immer das Wohl aller im Auge hat. Dass dieses Vaterideal unter uns Menschen nirgends vollkommen verwirklicht ist, das lässt uns um so mehr auf Gott als unseren himmlischen Vater hoffen.

Dieses Vaterbild, verbunden mit dem Glauben an die Erbschuld, lässt uns dann verstehen, dass unser Weg in dieser Welt nicht immer nur glücklich sein kann. Leid, Schmerz und Tod sind allgegenwärtig. Unsere Begrenztheiten und Schwächen lassen uns immer wieder versagen. Oft müssen wir auch verzichten, damit andere zu ihrem Recht kommen, damit andere nicht oder doch weniger leiden. Ganz besonders aber macht uns der Egozentrismus, ja Egoismus zu schaffen, derjenige unserer Mitmenschen, aber auch unser eigener. Dieser stört, ja zerstört jede Gemeinschaft, auch unsere Gemeinschaft mit Gott. Darum gehört zu unserem Dienst auch, dass wir immer wieder zu Gott unserem Herrn zurückkehren müssen, wo wir vom Weg abgewichen sind, unseren Dienst verweigert oder auch nur schlecht ausgeführt haben.

«Wozu ist Christus Mensch geworden?» Das ist die Frage, die sich hier aufdrängt. «Um uns zu erlösen» heisst es in der Schrift. Man könnte das auch übersetzen mit «um uns die Umkehr, die Rückkehr zum Vater, auf den Weg zu ihm und damit zu unserem ewigen Heil, wieder zu ermöglichen.
» Wenn wir Gott in seiner ganzen Grösse und Allmacht sehen, so wäre es ihm doch möglich gewesen uns so zu schaffen, dass wir gar nicht anders könnten, als seinen Willen zu erfüllen. Er könnte auch immer wieder ein «Schwamm drüber!» zu all unsere Fehler und Sünden sagen und dann all die Folgen unseres Fehlverhaltens ausbügeln. Er könne aber auch mit einem Wort uns alle, die ganze Menschheit, die ganze Erde, ja das ganze Universum auslöschen.

Was ihn an all dem hindert ist seine Liebe. In dieser Liebe hat er uns frei erschaffen. Er will dafür unsere freie Liebe. In dieser Liebe ruft er uns immer wieder zu ihm zurück. In dieser Liebe schenkt er uns auch immer wieder, was wir zu dieser Umkehr brauchen. Er zwingt sich uns aber nicht auf. In dieser Liebe hat er uns schliesslich seinen Sohn gesandt, damit er unsere Schuld auf sich nehme und uns so am Kreuz erlöse. Dazu wurde Christus Mensch. Dazu wurde er uns in allem gleich, ausser der Sünde. Dazu lehrte er uns, unseren Egozentrismus zurück zu nehmen und ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit, in Geschwisterlichkeit und Mitleid zu leben, um uns so gegenseitig zu stärken auf diesem Weg. Dieser führt zwar oft durch die finstere Schlucht. Wir dürfen aber auch immer aufblicken zu jenem Licht, das in Christus in diese Welt gekommen ist, um uns zum ewigen Licht zu führen.

Wir sind auf Erden um Gott zu dienen und so einst in den Himmel zu kommen. Christus ist Mensch geworden, um uns dies, trotz all unserer Schwächen und oft sogar Bosheit, wieder zu ermöglichen. Wenn wir uns dessen bewusst werden, dann begreifen wir, was uns Paulus so eindringlich mahnt: «Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!» (2.Kor 5,20) In dieser Versöhnung mit Gott liegt das grösstmögliche Glück unseres irdischen Lebens und die Gewissheit der ewigen Freude bei Gott.


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